Als Geschäftsführer der Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (EVV), einer stadteigenen Holding u. a. der Stadtwerke, sowie Vorsitzender des Sportbundes (ESPO), hat Jochen Sander hauptberuflich wie ehrenamtlich viele Anknüpfungspunkte mit dem Handwerk. Ein Gespräch über Gemeinsamkeiten, kommunale Wärmeplanung und Olympia an Rhein und Ruhr.

Jochen Sander
1960 in Essen geboren, studierte Jochen Sander Soziologie in Bochum und Marburg. Sander war viele Jahre in der Politik tätig, unter anderem als Geschäftsführer der Ratsfraktion der Grünen in Essen. 2007 wechselte er zur Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (EVV), deren Geschäftsführer er seit einigen Jahren ist, ebenso der Stromnetz Essen GmbH. Über sein politisches Engagement kam er 2002 in den Vorstand des Essener Sportbundes. Seit 2010 ist er stellvertretender, seit 2020 erster Vorsitzender. Sander engagiert sich zudem im Vorstand des Filmkunst und Kinokultur Essen e. V., der sich unter anderem für die Rettung der Lichtburg einsetzte, und ist ehrenamtlich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband aktiv.
Herr Sander, die Essener haben überraschend deutlich für eine Olympia-
Bewerbung gestimmt. Wie groß war Ihre Erleichterung?
Ich war zuvor bereits sehr zuversichtlich, da die Beteiligungsquote gut aussah. Dass wir eine durchgängige Zustimmung von etwa zwei Dritteln
in allen Stadtteilen erreicht haben, begeistert mich besonders. In Zeiten, in denen sich viele in ihren eigenen sozialen Blasen bewegen, war das ein starkes gemeinsames Signal für unsere Stadt.
Was versprechen Sie sich konkret von Olympia in der Region?
Ein Blick auf München 1972 zeigt, wie sehr solche Spiele eine Stadt transformieren und die Standortqualität steigern können. Neben dem Eventcharakter geht es uns aber vor allem um die identitätsstiftende Kraft des Sports. Sport verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft und schafft Vorbilder, die Kinder und Jugendliche motivieren, selbst im
Verein aktiv zu werden.
Wie steht es aktuell um den Essener Sport und welche Herausforderungen sehen Sie?
Wir erleben nach der Corona-Zeit einen enormen Zuspruch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Mit etwa 480 Vereinen und 140.000 Mitgliedern ist der Sportbund die größte Organisation der Stadt. Die Vereine fungieren als „dritte Orte“ der Begegnung – Orte, an denen man Menschen außerhalb der eigenen Filterblase trifft. Die größte Herausforderung ist jedoch das Ehrenamt. Es wird schwieriger, Übungsleiter und Vorstände zu finden.
Wie unterstützt der Essener Sportbund (ESPO) die Vereine dabei?
Wir haben das Format der „Vereinsgespräche“ ins Leben gerufen. Wir besuchen die Vereine vor Ort, hören zu und versuchen, bei Alltagsproblemen wie Brandschutzauflagen oder bürokratischen Hürden zu helfen. Zudem bauen wir unsere Dienstleistungen aus, etwa bei der Abrechnung von Minijobs oder Steuerfragen, um die oft ehrenamtlich geführten Vereine zu entlasten.
Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen Sport und dem Handwerk?
Uns eint das Engagement für die Gesellschaft. Das Handwerk hat, gerade im Zeitalter der KI, nach wie vor goldenen Boden. Ein konkreter Punkt ist die Nachwuchsförderung: Wir haben viele Jugendliche in den Vereinen, die Ausbildungsplätze suchen. Hier können wir Netzwerke nutzen, um Handwerksbetriebe und junge Talente zusammenzubringen.
Neben Ihrem Ehrenamt im Sport sind Sie hauptberuflich Geschäftsführer der EVV. Welche Aufgaben stehen dort an?
Die größte Herausforderung ist die Erneuerung der Infrastruktur und die Energiewende. Wir sprechen hier über Investitionsbedarfe im Milliardenbereich für Schienen, Busantriebe und die Wärmetransformation in den nächsten zehn bis 15 Jahren.
Die EVV war auch maßgeblich an der kommunalen Wärmeplanung beteiligt. War Ihre Arbeit durch die Abschaffung des Gebäudeenergiegesetzes umsonst?
Nein, eine Stadt muss sich ohnehin Gedanken darüber machen, wie ihre Wärmeversorgung der Zukunft aussehen soll, unabhängig von aktuellen Regelwerken. Die Wärmeplanung schafft Klarheit und Investitionssicherheit für Immobilienbesitzer. Sie zeigt auf, in welchen Gebieten kein Wärmenetz geplant ist, sodass Eigentümer wissen, dass sie sich selbst um dezentrale Lösungen (wie Wärmepumpen) kümmern müssen. Für die Betreiber von Strom- und Fernwärmenetzen ist die Planung ebenfalls essenziell, um das Netz gezielt weiterzuentwickeln. Da beispielsweise die Lieferung eines Transformators zwei bis drei Jahre dauern kann, ist ein frühzeitiges Wissen über die Richtung der Stadtentwicklung notwendig. Allerdings würde ich mir mehr Beständigkeit in der Regulatorik wünschen. Bürger und Unternehmen brauchen Entscheidungsgrundlagen, die über Legislaturperioden hinaus Bestand haben.
Sie sind in vielen Ehrenämtern aktiv – vom Sport über die Kinokultur bis zum Wohlfahrtsverband. Woher nehmen Sie die Energie?
Mir bereitet das Netzwerken und das Zusammenbringen von Menschen Freude. Als Ausgleich fahre ich viel Fahrrad oder arbeite in meiner zweiten Heimat in Norditalien an Haus und Garten. Im Gegensatz zur Schreibtischarbeit sieht man bei handwerklicher Arbeit am Abend direkt, was man geschafft hat.
Gespräch: Jörn-Jakob Surkemper
Foto: Kerstin Bögelholz






