Unternehmerinnen im Handwerk: Kompetenz setzt sich durch


Das Handwerk hat viele Gesichter – und immer mehr davon sind weiblich. Auch an der Betriebsspitze. Etwa ein Viertel der Betriebe wird von einer Frau geführt. Fachlich ist das kein Problem. Es gibt jedoch strukturelle Hürden, die Unternehmerinnen das Leben schwerer machen als männlichen Mitbewerbern.   

Wenn die Funken in der Werkstatt sprühen, harte Steine mit dem Meißel bearbeitet werden oder ein Dach neu gedeckt wird: Dann sind immer öfter Frauen am Werk. Auch in bisher klassischen Männergewerken steigt der Frauenanteil. Mit ihrer Kampagne „Starke Frauen. Starkes Handwerk“ zeigt die Handwerkskammer Dortmund seit 2022, wozu Frauen alles fähig sind. Mit echten Geschichten und realen Vorbildern will die Kampagne Vorurteile und Stereotypen aufbrechen. „Handwerkliches Geschick und Leidenschaft kennen kein Geschlecht“, betont Kerstin Feix, Vizepräsidentin der HWK Dortmund. Sie selbst leitet seit 2003 die Autohaus Feix GmbH. Ihr Motto: „Bei uns haben alle die gleichen Chancen.“ Ob die Auszubildende mit türkischen Wurzeln oder der Kfz-Mechatroniker aus dem Ruhrgebiet oder der Ukraine – bei Feix sind sie ein Team.

Blöde Sprüche kontern
Frauen im Handwerk werden immer sichtbarer. Auch in der bundesweiten Imagekampagne des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) und in der Wertschätzungskampagne der Handwerkskammer Münster werben junge Handwerkerinnen für ihr Gewerk und für die vielen Entfaltungs- und Karrieremöglichkeiten in ihrer Branche. Die neue Generation der Handwerkerinnen macht auch selbst auf sich aufmerksam. Eine der bekanntesten Handwerks-Influencerinnen ist die Bochumer Dachdeckermeisterin und Fachwirtin Chiara Monteton. Auf Instagram und TikTok gibt sie einen Einblick in das wahre Leben auf der Baustelle und zeigt, wie man sich als Frau im Bauhandwerk behauptet: Blöde Sprüche, Anmache und frauenfeindliche Witze muss man kontern können. Mit guten Leistungen, einem freundlichen Umgangston und Feingefühl überzeugt sie nicht nur Handwerker, sondern auch skeptische Kunden oder arrogante Architekten. Inzwischen gibt die 30-Jährige als Chefin auf der Baustelle den Ton an. Gemeinsam mit ihrem Bruder Luca, der sich ums Büro kümmert, führt sie den elterlichen Betrieb weiter mit „Leidenschaft und Verstand“.
Es sind nicht nur Töchter, die den elterlichen Betrieb übernehmen. Auch ohne familiären Background trauen sich immer mehr Frauen in die Selbstständigkeit. Laut ZDH sind „Frauen in vielfältigen Positionen Leistungsträgerinnen: als selbstständige Unternehmerin, Geschäftsführerin, Meisterin, Gründerin, in der Doppelspitze mit dem Partner oder als Nachfolgerin im Familienbetrieb. Etwa ein Sechstel (15,9 Prozent) der erfolgreichen Meisterprüfungen wurde 2024 von einer Frau absolviert. Der Frauenanteil an den Betriebsspitzen im Handwerk unterscheidet sich je nach Gewerbegruppe deutlich – durchschnittlich wird im Handwerk jeder vierte Betrieb (24,9 Prozent) von einer Frau (mit-) geführt.“

Vom Verbot zur Teilhabe
Der Trend ist positiv – aber es ist noch viel Luft nach oben. Warum beträgt der Frauenanteil im Handwerk nur etwa ein Drittel? Die Forschungsorganisation EAF zeigt auf, dass Frauen immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden: Schon im Mittelalter arbeiteten viele Handwerkerinnen in eigenen Frauenzünften oder frauenspezifischen Gewerken. Ab dem 16. Jahrhundert wurden sie jedoch zunehmend durch Berufsverbote verdrängt. Während der beiden Weltkriege und beim Wiederaufbau übernahmen Frauen wichtige Aufgaben, wurden danach aber erneut zurückgedrängt. 1952 erfolgte in der Bundesrepublik sogar ein Arbeitsverbot für Frauen im Baugewerbe; erst 1994 wurde es endgültig aufgehoben. Noch heute haben Frauen mit ekligem Sexismus zu tun, stehen auf der Baustelle besonders unter Beobachtung und müssen gegen Vorurteile ankämpfen – z.B., dass sie nicht schwer heben können. Dabei gibt es Studien, die belegen, dass Pflegekräfte im Alltag deutlich häufiger schwere Lasten heben als Leute auf dem Bau.

Zukünftige Rolle?
So wie sich das Klima wandelt, könnten auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen Frauen im Handwerk künftig vergraulen oder verdrängen. Kämen in Deutschland rechtsextreme Parteien an die Macht, würde das traditionelle Rollenbild der Hausfrau und Mutter wieder propagiert. Auch Einflüsse, die aus anderen Kulturen einfließen, sollten wir wahrnehmen und darauf reagieren. Ein Beispiel: Im Ruhrgebiet wollten neulich zwei männliche Auszubildende mit Migrationshintergrund nicht mit einer Prüferin reden und ihr nicht die Hand geben, weil das in ihrer Kultur verboten sei. Die betreffende Innung stellte auf ihrer Innungsversammlung klar: Ein solches Verhalten ist inakzeptabel. Wer eine Prüferin nicht respektiert, wird eben nicht geprüft. Dass Frauen im Handwerk nicht nur mitarbeiten, sondern sich dort ganz bewusst beruflich verwirklichen wollen, kommt auch in der aktuellen Debatte um den Fachkräftemangel zu kurz. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) ist die Zahl der Handwerksmeisterinnen seit 2013 um gut 7.000 gestiegen; ihr Anteil unter den Meistern kletterte von 13 auf über 17 Prozent. Besonders erfreulich: Auch in klassischen Männerdomänen wie Hoch- und Tiefbau hat sich die Zahl der Meisterinnen mehr als verdoppelt. Das Fazit des IW: „Handwerkerinnen arbeiten häufig in Handwerksberufen mit Engpässen und lindern so den Fachkräftemangel. Ziel der Politik muss es sein, noch mehr Frauen für einen Job im Handwerk zu gewinnen.“ Das IW empfiehlt eine frühzeitige Berufsorientierung und sichtbare weibliche Vorbilder. „Darüber hinaus muss der Staat die jetzt schon im Beruf stehenden Handwerkerinnen während der Schwanger- und Mutterschaft stärker unterstützen. Das könnte dazu führen, dass mehr Frauen einen Handwerksbetrieb gründen oder übernehmen.“

Selbstständige benachteiligt
Mit dem Thema „Schwangerschaft und Mutterschaft für Selbstständige“ spricht das Institut ein Thema an, das noch vor wenigen Jahren kaum beachtet wurde. Bis Johanna Röh 2021 auf Instagram auf ihre Situation aufmerksam macht. Die Tischlermeisterin aus Alfhausen nahe Osnabrück wurde drei Jahre nach ihrer Gründung schwanger. „Während angestellte Tischlerinnen mit Bekanntwerden der Schwangerschaft sofort ein betriebliches Beschäftigungsverbot bei voller Lohnfortzahlung bekommen hätten, musste ich auch als Hochschwangere noch auf der Baustelle mitarbeiten, um den Fortbestand des Betriebes zu sichern“, erzählt die heute 38-Jährige. Für Kleinbetriebe ist es schon problematisch, wenn eine schwangere Mitarbeiterin als Arbeitskraft ausfällt. Aber immerhin erhält dann der Betrieb über die Umlage U2 Mutterschutzlohn, Arbeitgeberzuschuss zum Mutterschaftsgeld und die Sozialversicherungsanteile über die Krankenkasse vollständig erstattet. Die Umlage U2 ist eine Pflichtabgabe aller Arbeitgebenden, unabhängig von der Anzahl der Beschäftigten.

Arbeiten, bis das Kind kommt
Dass man als Selbstständige komplett ohne Mutterschutz und Einkommensersatzleistungen dasteht, schockte Johanna Röh. Sie hatte nicht blauäugig gegründet, aber ihre private Vorsorge reichte bei weitem nicht. „Es konnte mir auch keiner richtig Auskunft geben; scheinbar war ich bei meiner Krankenkasse der erste Fall.“ Doch sie ist nicht allein. Auf ihren Instagram-Post hin melden sich viele Frauen, die ähnliche Sorgen haben. Auch eine Studie des Instituts für Mittelstandforschung (IfM) in Bonn, die im Auftrag des NRW-Wirtschaftsministeriums und des Westdeutschen Handwerkskammertags (WHKT) erstellt wurde, bestätigt, dass Tischlermeisterin Johanna Röh kein Einzelfall ist. Die Studie zeigt, dass die meisten Handwerkerinnen bis kurz vor der Geburt arbeiten und jede zweite Unternehmerin kehrt auch schon innerhalb von vier Wochen mit reduzierter Stundenzahl zurück in den Betrieb. 89 Prozent der Befragten übten während der Schwangerschaft regelmäßig körperliche Tätigkeiten aus, die bei Angestellten zu Schutzmaßnahmen oder Beschäftigungsverbot führen würden. Und: Während der Mutterschutzfrist haben nur 29 Prozent der Befragten Krankengeld oder Krankentagegeld erhalten. „Das ist doch völlig ungerecht“, findet Tischlermeisterin Johanna Röh. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen startete sie Anfang 2022 eine Petition für einen Mutterschutz für alle. Eine zweite Petition im Bundestag trifft einen Nerv: Über 111.000 Menschen und diverse Verbände stellen sich hinter die Forderung, die auch in der Politik Gehör findet. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur startet eine Bundesratsinitiative und beauftragt zudem den WHKT mit einer Machbarkeitsstudie.

WHKT schlägt Modell vor
Seitdem ist einiges in Gang gekommen: Auf Bundesebene haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag die Einführung eines Mutterschutzes für Selbstständige vereinbart. Das Bundesfamilienministerium soll einen Gesetzentwurf erarbeiten. Unterstützung kommt auch von Bundesbauministerin Verena Hubertz, die im Januar selbst Mutter geworden ist. Zur Diskussion steht das WHKT-Modell, das der WHKT gemeinsam mit dem IfM entwickelt hat. Das Modell setzt auf drei Bausteine: eine finanzielle Basisabsicherung (Pauschalbetrag); optional können Zuschüsse zur vollen Einkommenssicherung oder zur Betriebsabsicherung beantragt werden. „Wir wollten eine möglichst unbürokratische Lösung, die zugleich einen möglichst fairen Einkommensersatz bietet und möglichst flexibel im Hinblick auf die betriebliche Mitarbeit ist. Eine digitale Abwicklung über bestehende Abrechnungsstellen wäre ideal“, erklärt Christine Schmelting.

Wer soll das bezahlen?
Es gibt auch Ideen, wie der Mutterschaftsausgleich für Selbstständige finanziert werden könnte. Die IKK classic schlägt vor, die Leistung über die Umlage U2 zu finanzieren. Innerhalb des Handwerks gibt es unterschiedliche Auffassungen: Viele im Handwerk bevorzugen eine steuerfinanzierte Lösung, um Selbstständige nicht zusätzlich zu belasten; die Arbeitnehmerseite spricht sich eher für eine Umlagefinanzierung aus. Tischlermeisterin Johanna Röh verfolgt die Diskussion gespannt und macht sich weiterhin stark für einen Mutterschutz für alle. Seit der Geburt ihrer Tochter ist sie soloselbstständig und führt nur kleinere Projekte durch. Ihr Herz schlägt immer noch fürs Tischlerhandwerk und grundsätzlich mag sie auch die Selbstständigkeit: „Das Gute an der Selbstständigkeit ist, dass ich jedes Projekt von Anfang bis Ende betreue und auch mitgestalten kann. Dadurch habe ich den künstlerischen Aspekt, aber auch die harte körperliche Arbeit und das Technische an den Maschinen. Und das gibt mir echt viel.“

Text: Claudia Schneider
Fotos: André Chrost

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