Tradition trifft Transformation

Künstliche Intelligenz, neue Formen der Mobilität, Energiewende: Die An- und Herausforderungen sind in nahezu allen Gewerken enorm. Die Aus- und Weiterbildung im Handwerk spielt im Wandel der Berufsbilder eine Schlüsselrolle.

Arbeitswelt der Zukunft? Für Detlef Peter Grün steht das Kfz-Handwerk nicht vor einem Wandel, „sondern ist bereits mittendrin“. Die Transformation sei längst fester Bestandteil des Werkstattalltags, so der Bundesinnungsmeister des Kfz-Handwerks. „Fahrzeuge entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit von mechanisch geprägten Produkten hin zu vernetzten und softwarebasierten Systemen. Diese Entwicklung verändert auch die Anforderungen an Ausbildung und Qualifizierung.“
Als prägnantes Beispiel hierfür verweist der Bundesinnungsverband des Kfz-Handwerks auf das autonome Fahren: In den Betrieben wird bereits mit Fahrzeugen gearbeitet, die über Fahrerassistenzsysteme auf unterschiedlichen Automatisierungsstufen verfügen. Dazu zählen das assistierte Fahren auf Level 1, das teilautomatisierte Fahren auf Level 2 sowie erste Anwendungen auf Level 3, bei denen das Fahrzeug zeitweise eigenständig fährt. „Für die Ausbildung bedeutet das, dass Kfz-Mechatronikerinnen und Mechatroniker weit über klassische Mechanik hinausdenken müssen. Sensorik, Kamerasysteme, Radar, Softwarearchitekturen und deren sicherheitsrelevante Vernetzung prägen zunehmend das Berufsbild“, sagt Grün.

Tradition und Technologien

Für Tischlermeister Lars Bolte aus der ÜBL der Tischler-Innung liegt eine der größten Herausforderungen darin, „bei der ganzen Technik nicht den Bezug zum traditionellen Handwerk zu verlieren und gleichzeitig ein gutes Verständnis für die Maschinen und die Technologie zu entwickeln“. Um die moderne Technik mit dem Handwerk zu verknüpfen, sei es wichtig, eine Basis zu schaffen. „Was in den ersten Kursen noch per Hand im traditionellen Sinne angefertigt wird, wird in späteren Lehrgängen per Maschine erledigt. „Der Tischlerberuf ist sehr vielseitig und bietet zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Bei dieser breiten Fächerung ist es für junge Leute allerdings auch nicht immer leicht zu erkennen und zu steuern, wohin die Reise – also der Berufsweg – geht.“

Wichtig: Lernort-Kooperation

Damit die Ausbildung diesen Anforderungen gerecht wird, kommt der Lernort-Kooperation laut Grün eine zentrale Bedeutung zu: „Das Zusammenspiel von Ausbildungsbetrieb, Berufsschule und überbetrieblicher Ausbildung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Kein Lernort allein kann die gesamte Bandbreite moderner Fahrzeugtechnik abbilden. Erst das abgestimmte Zusammenwirken aller drei Partner stellt sicher, dass Auszubildende sowohl praxisnah als auch theoretisch fundiert und technologisch auf aktuellem Stand ausgebildet werden. Diese Struktur gehört zu den großen Stärken des dualen Systems im Kfz-Handwerk – und sollte konsequent weiterentwickelt werden.“ 
Zudem leisten erfahrene Fachkräfte einen wichtigen Beitrag zum Gelingen von Ausbildung: „Durch kontinuierliche Weiterbildung etwa in den Bereichen Hochvolttechnik oder Fahrerassistenzsysteme sichern sie ihre fachliche Aktualität. Gleichzeitig übernehmen sie eine tragende Rolle als Ausbilder und Mentoren für den Nachwuchs.“
So eröffnen sich für junge Menschen im Kfz-Handwerk attraktive und langfristige Perspektiven: „Die Ausbildung im Kfz-Bereich steht heute für Arbeiten an Zukunftstechnologien, für einen hohen Praxisbezug und stabile Beschäftigungsmöglichkeiten. Elektromobilität, Hochvolttechnik, Digitalisierung und automatisiertes Fahren machen das Berufsbild anspruchsvoller, vielseitiger und technologisch geprägt. Wer sich für eine Ausbildung im Kfz-Handwerk entscheidet, wählt einen Beruf, der Innovation und Handwerk sinnvoll miteinander verbindet“, sagt Grün. Ähnlich sieht es der Zukunftsforscher Hartwin Maas: „Wer eine handwerkliche Ausbildung beginnt, trifft auf einen Arbeitsmarkt, der stark vom Fachkräftemangel und der technologischen Transformation geprägt ist. Aktuell haben junge Menschen eine wesentlich bessere Chance, im Handwerk einen Arbeitsplatz zu finden, als Akademiker“, sagt der Wirtschaftsingenieur. „Dies wird auch noch in den nächsten Jahren so sein.“

Der Wandel beschleunigt sich
In den kommenden 25 Jahren werden „durch technologische, ökologische, demografische und gesellschaftliche Veränderungen neue Berufsfelder entstehen“, sagt Maas. „Innovationszyklen werden kürzer und technologischer Wandel passiert nicht mehr linear, sondern exponentiell. Das Handwerk passt sich diesen Rahmenbedingungen an: Es modernisiert und konsolidiert sich. Während Handwerksberufe ohne industrielle Relevanz weniger werden, wachsen technologiegetriebene Gewerke stark an. Insbesondere in diesem Bereich bleibt das Handwerk auch in Zukunft attraktiv und sicher.“

Arbeit wird anspruchsvoller
Doch was bedeutet das für die Arbeit an sich? Sie wird „physisch leichter, aber technologisch anspruchsvoller“, glaubt Maas. In vielen Bereichen sei eine zunehmende Komplexität und „Parallelisierung“ der Aufgaben zu beobachten. „Das bedeutet auch, dass die Anforderungen an bereichsübergreifendes Handeln, Selbstorganisation und Kommunikation auf unterschiedlichen Kanälen mit unterschiedlichen Gewerken weiter zunehmen werden. Zudem sollte man sich mit künstlicher Intelligenz und Automatisierung beschäftigen, denn Kompetenzen in den Bereichen IT- und Energietechnik fließen auch in die moderne Handwerksausbildung ein.“ Allerdings: „Grundkompetenzen bleiben nach wie vor wichtig.“ Für Betriebe bedeutet der massive Wandel, „dass man die Trends in der eigenen und in benachbarten Branchen weiterhin obsessiv verfolgen muss“. In den kommenden Jahren, so Maas, werden diejenigen Betriebe erfolgreich sein, „die sich ohne existenzielle Risiken auf ihren Lorbeeren ausruhen könnten, es aber nicht tun. Denn sie handeln aus der Überzeugung heraus, dass sie immer unter Druck stehen.“

Ganz nah an der Praxis

„Wir fokussieren uns zunehmend auf eine handlungsorientierte Ausbildung, um praxisnahes Lernen zu fördern, etwa durch handwerkliche Projektarbeiten und praxisnahe Schulungen an vielfältigen Anlagen, die draußen beim Kunden im urbanen Raum zu finden sind. Zudem werden Azubis in der ÜBL früh in teils reale Arbeitsprozesse eingebunden, um Theorie und Praxis besser zu verknüpfen.“ Das berichtet Maximilian Freund, Innungsmeister SHK bei der KH Essen. Die zentrale Herausforderung liegt seiner Aussage nach im beschleunigten technologischen Wandel, insbesondere bedingt durch Digitalisierung, erneuerbare Energien und komplexe Regelungstechnik sowie in der Sicherstellung der Trinkwasserhygiene. „Hinzu kommen die kontinuierlich steigenden Anforderungen an Badezimmer, die zunehmend den Charakter einer ,Wellness-Oase’ annehmen.“ Grundsätzlich seien Azubis motiviert und interessierten sich besonders für moderne, klimarelevante Technik – „sie unterschätzen aber oft die körperlichen und fachlichen Anforderungen“. Erst im Ausbildungsalltag werde ihnen klar, wie vielseitig und anspruchsvoll der Beruf tatsächlich sei.

KI ist der Turbo für den Wandel 
Keine Diskussion über den Wandel der Arbeitswelt kommt ohne das Megathema KI aus. Sie wirkt „als systemischer Beschleuniger von Unsicherheit und Strukturwandel auf Arbeitsmärkten und Qualifikationsanforderungen“, wie es Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser beschreibt, der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. „Anders als frühere Technologien verändert KI nicht nur Tätigkeiten einzelner Berufe, sondern greift quer durch Berufsprofile, Qualifikationsniveaus und Branchen. Unternehmens- und arbeitsorganisatorische Veränderungen nehmen zu und erfordern eine höhere Anpassungsbereitschaft der Betriebe. Dies geht dann auch zwingend mit einem Bedeutungszuwachs von Aus- und Weiterbildung einher.“
Das BIBB, die zentrale Einrichtung für die Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland, soll daher zu einem „KI-Kompetenzzentrum für berufliche Bildung“ weiterentwickelt werden. Esser: „Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, ein resilientes Berufsbildungssystem zu gestalten, das individueller, inklusiver und exzellenter aufgestellt ist.“ In diesem Zusammenhang verweist der BIBB-Präsident auch auf Unterstützungsangebote für die didaktische Umsetzung von Ausbildungsordnungen in den Betrieben. „Hier ist insbesondere das Ausbildungspersonal zu nennen, für das wir unser Portal ,Leando’ konzipiert haben.“ Es bietet anwendungsbezogene Themen und Fallbeispiele guter Ausbildungs- und Prüfungspraxis, Austauschmöglichkeiten für Ausbilder und Prüfer untereinander sowie verschiedene Tools und Lernpfade.

Neue Aufgaben im E-Handwerk 
Zu den Gewerken, deren Aufgabenbereiche besonders schnell wachsen, gehören die E-Handwerke. „Das klassische Bild des Elektronikers bzw. des Elektroinstallateurs, der überwiegend Leitungen verlegt und Schalter sowie Steckdosen montiert, greift längst zu kurz. Infolge der Herausforderungen von Digitalisierung und Energiewende kommen kontinuierlich neue Geschäftsfelder hinzu – die Installation von Photovoltaik-Anlagen, Speichern, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur für E-Mobilität, die Installation und das Konfigurieren von Energiemanagementsystemen“, sagt Andreas Habermehl, Geschäftsführer Technik und Berufsbildung beim Zent- ralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). „Das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung, weil es unsere Branche zukunftssicher und nachhaltig macht. Dazu gehört aber auch, dass neue Kompetenzen und Qualifikationen benötigt werden.“

Schnittstellen schaffen 
Ein gutes Beispiel ist der 2021 eingeführte Ausbildungsberuf „Elektroniker/-in für Gebäudesystemintegration“ (GSI), der die intelligente Vernetzung und die Energieeffizienz in den Vordergrund stellt. „Mit Energiewende und Sektorkopplung geht es ja verstärkt darum, gewerkeübergreifend zu arbeiten und ein Verständnis für Schnittstellen zu anderen Gewerken zu besitzen. Der GSI ist spezialisiert auf die Vernetzung und Integration ganz unterschiedlicher Systeme – Photovoltaik-Anlagen, Speichern, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur –, die im digitalen Gebäude aber miteinander interagieren und in einem Energiemanagementsystem zusammenlaufen“, erklärt Habermehl.

Menschen bleiben unersetzlich
Die E-Handwerke bieten also zukunftssichere Arbeitsplätze an der Schnittstelle von Klimaschutz, Digitalisierung und Sicherheit (Stichwort Cybersecurity), „die für unsere globalen, aber auch gesellschaftlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert unerlässlich sind“. KI kann das handwerkliche Arbeiten und die menschlichen Kompetenzen nach Aussage von Habermehl nicht ersetzen, „da die fünf e-handwerklichen Ausbildungsberufe die Grundlage darstellen, damit eine KI überhaupt funktionieren und arbeiten kann“. Auch für ältere Gesellinnen und Gesellen gelte daher: „Erfahrung bleibt unverzichtbar – doch sie muss kontinuierlich ergänzt werden. In den heutigen Zeiten womöglich immer häufiger.“ Fortbildung und Zusatzqualifikationen – etwa in den Bereichen „Digitalisierung“, „Normung“, „Erneuerbare Energien“ oder „vernetzte Systeme“ – sind laut Habermehl entscheidend, um anschlussfähig und in Beschäftigung zu bleiben. 
Ist kein Berufsabschluss in den E-Handwerken vorhanden, könnte eine Umschulung die passende Qualifizierung sein. Alternativ kann ein Validierungsverfahren zur Anerkennung jahrzehntelanger Berufserfahrung eine Möglichkeit darstellen, ältere Personen in das Berufsbildungssystem zu integrieren. „Zudem können erfahrene Fachkräfte als Mentoren wirken, Wissen weitergeben und den Kulturwandel in den Betrieben aktiv mitgestalten. Lebenslanges Lernen ist kein Schlagwort mehr, sondern längst berufliche Realität.“ 

Offen sein für neue Verbünde 
Das BIBB rät den Betrieben, offen zu bleiben, den Kontakt zu Fachverbänden und verwandten Handwerken zu suchen und sich fortlaufend über Fachportale, Messen und Konferenzen zu informieren. „Außerdem raten wir ihnen, die Mitarbeitenden mitzunehmen, sie zu qualifizieren, aber auch auf sie zu hören, wenn sie neue Ideen einbringen“, so Esser. „Jeder Betrieb sollte sich die Zeit nehmen, über die Entwicklungen und Marktsituationen nachzudenken. Das hilft, sich auf die Kernkompetenzen zu besinnen und diese gegebenenfalls neu zu justieren. Hilfreich kann es zudem sein, Verbünde zu bilden, zum Beispiel mit Firmen, die das eigene Angebot ergänzen, um das Portfolio zu erweitern.“        

Daniel Boss

Bilder: André Chrost

Unsere Partner aus Industrie und Handel