Kreishandwerkerschaft Essen warnt vor falschen Schlussfolgerungen aus der aktuellen Preisentwicklung: Steigende Personal-, Material- und Betriebskosten setzen das Handwerk erheblich unter Druck.
Handwerkerleistungen sind in den vergangenen Jahren teilweise deutlich teurer geworden. Eine aktuelle Berichterstattung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) vom 27. Oktober 2026 verweist auf Preissteigerungen von bis zu 81 Prozent bei einzelnen Bau- und Handwerksleistungen seit 2021. Was für Verbraucherinnen und Verbraucher eine erhebliche finanzielle Belastung darstellt, bedeutet allerdings keineswegs, dass die ausführenden Handwerksbetriebe in entsprechendem Umfang profitieren.
„Wer aus steigenden Handwerkerpreisen auf steigende Gewinne der Betriebe schließt, übersieht einen entscheidenden Teil der wirtschaftlichen Realität. Unsere Betriebe müssen heute erheblich höhere Kosten erwirtschaften, bevor überhaupt ein Euro Gewinn entsteht“, erklärt Martin van Beek, Essens Kreishandwerksmeister.
Der Stundenverrechnungssatz ist kein Stundenlohn
Besonders häufig werden die von Handwerksbetrieben berechneten Stundensätze mit den tatsächlichen Verdiensten ihrer Beschäftigten verwechselt. Dabei liegen zwischen beiden Größen erhebliche Unterschiede. Der Stundenverrechnungssatz eines Handwerksbetriebes muss nicht nur den Bruttolohn des eingesetzten Mitarbeiters decken. Hinzu kommen die Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung, die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubs- und Feiertagsvergütungen sowie Kosten für Berufsgenossenschaft, betriebliche Altersvorsorge und weitere Personalaufwendungen. Darüber hinaus müssen die Betriebe ihre Fahrzeuge, Werkzeuge, Maschinen, Werkstätten, Versicherungen, Verwaltung, Digitalisierung und zahlreiche weitere Betriebskosten finanzieren.
Entscheidend ist zudem, dass nicht jede bezahlte Arbeitsstunde unmittelbar beim Kunden abgerechnet werden kann. Materialbeschaffung, Fahrten, Arbeitsvorbereitung, Angebote, Dokumentation und organisatorische Tätigkeiten beanspruchen erhebliche Arbeitszeit.
„Ein Handwerksbetrieb kann nicht einfach den Bruttolohn eines Mitarbeiters verdoppeln und die Differenz als Gewinn verbuchen. Aus dem berechneten Stundensatz muss vielmehr die gesamte betriebliche Infrastruktur finanziert werden“, so van Beek.
Personalkosten und Sozialabgaben steigen
Das Handwerk ist besonders personalintensiv. Qualifizierte Fachkräfte sind die entscheidende Grundlage für hochwertige handwerkliche Leistungen. Die Entwicklung der Arbeitskosten verdeutlicht den wirtschaftlichen Druck: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland im Jahr 2025 um 22,3 Prozent über dem Niveau von 2020. Neben steigenden Tarifentgelten und Löhnen belasten insbesondere die Sozialversicherungsbeiträge die Betriebe. Anders als bei vielen industriellen Produktionsprozessen lassen sich steigende Personalkosten im Handwerk nur begrenzt durch Automatisierung oder höhere Stückzahlen auffangen.
Fachkräftemangel verschärft die Situation
Hinzu kommt der anhaltende Mangel an qualifizierten Fachkräften. Die Betriebe müssen erhebliche Anstrengungen unternehmen, um Mitarbeitende zu gewinnen, auszubilden und langfristig zu halten. Fehlende Fachkräfte bedeuten jedoch nicht automatisch volle Auftragsbücher oder höhere Gewinne. Vielmehr können Aufträge teilweise nicht angenommen oder nur mit zusätzlichem organisatorischem Aufwand durchgeführt werden. Gleichzeitig müssen vorhandene betriebliche Kapazitäten und Fixkosten weiterfinanziert werden. Gerade kleine und mittlere Handwerksbetriebe stehen deshalb vor der Herausforderung, wettbewerbsfähige Löhne zu zahlen und zugleich ihre Leistungen für die Kundschaft bezahlbar zu halten.
Material, Energie und betriebliche Nebenkosten belasten zusätzlich
Auch die Materialpreise haben sich seit 2021 deutlich verändert. Hinzu kommen höhere Aufwendungen für Energie, Kraftstoffe, Fuhrpark, Versicherungen, Maschinen, Finanzierung und betriebliche Infrastruktur. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der zunehmende Aufwand für gesetzliche Dokumentationspflichten, Nachweise, technische Vorschriften und Verwaltung. Diese Arbeiten sind für die ordnungsgemäße Durchführung vieler Aufträge notwendig, schaffen aber keine zusätzlichen unmittelbar abrechenbaren Arbeitsstunden.
Die Folge: Die Betriebe müssen einen immer größeren Teil ihres Umsatzes zur Deckung laufender Kosten einsetzen.
Steigende Preise bedeuten nicht automatisch steigende Gewinne
Die Kreishandwerkerschaft Essen weist ausdrücklich darauf hin, dass zwischen Umsatzentwicklung und Ertragslage unterschieden werden muss. Selbst wenn ein Handwerksbetrieb für eine vergleichbare Leistung heute einen höheren Preis erzielt als vor fünf Jahren, kann sein tatsächlicher Gewinn unverändert geblieben oder sogar gesunken sein. Gleichzeitig führt die wirtschaftliche Zurückhaltung vieler privater und gewerblicher Auftraggeber zu zusätzlichem Druck. Notwendige Modernisierungen werden verschoben, Investitionen zurückgestellt und Angebote zunehmend unter Preisgesichtspunkten verglichen. „Unsere Betriebe haben kein Interesse daran, Handwerkerleistungen für die Menschen unbezahlbar zu machen. Im Gegenteil: Das Handwerk lebt von langfristigen Kundenbeziehungen, Vertrauen und einer verlässlichen Nachfrage. Aber wirtschaftlich tragfähige Preise sind notwendig, um qualifizierte Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und die Leistungsfähigkeit unserer Betriebe zu sichern.“
Das Handwerk braucht wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen
Aus Sicht der Kreishandwerkerschaft Essen müssen deshalb nicht nur die Endpreise handwerklicher Leistungen betrachtet werden, sondern insbesondere die dahinterliegenden Kostenstrukturen. Eine Begrenzung der Lohnnebenkosten, der Abbau überflüssiger Bürokratie, verlässliche Energiepreise und eine konsequente Stärkung der beruflichen Ausbildung können dazu beitragen, den Kostendruck zu reduzieren. „Wer bezahlbare Handwerkerleistungen möchte, muss auch dafür sorgen, dass Handwerksbetriebe wirtschaftlich arbeiten können. Hohe Rechnungsbeträge sind kein Beleg für hohe Gewinne. Sie sind vielfach Ausdruck erheblich gestiegener Kosten“, sagt van Beek.
Die Kreishandwerkerschaft Essen appelliert deshalb an eine differenzierte Betrachtung der Preisentwicklung. Denn ein wirtschaftlich gesundes Handwerk ist unverzichtbar für Ausbildung, Beschäftigung, Wohnungsbau, Modernisierung und die regionale Versorgung der Menschen in Essen.







