Am 12. März feiert die Kreishandwerkerschaft 125. Geburtstag. Kreishandwerksmeister Martin van Beek und Hauptgeschäftsführer Martin Weber blicken lieber nach vorn als zurück.
Herzlichen Glückwunsch zum 125-jährigen Jubiläum! Wenn Sie die Gründungszeit mit der Gegenwart vergleichen: Was sind die größten Unterschiede, und was ist über all die Jahre vielleicht auch gleich geblieben?
Martin van Beek: Gleich geblieben ist die Liebe zum Handwerk und die Werte des Ehrenamts, die fest in unserer DNA verankert sind. In einigen Gewerken hat sich auch die handwerkliche Tätigkeit gar nicht so sehr verändert, etwa bei den kunstschaffenden Gewerken. Die Bauhandwerke, SHK, Elektro mussten sich natürlich stark weiterentwickeln. Insgesamt müssen wir alle heute viel schneller und flexibler auf Marktanforderungen reagieren. Wir müssen deutlich mehr Dienstleister sein, als das noch bis in die 1990er-Jahre der Fall war. Und der Stellenwert des Handwerks in der Bevölkerung ist heute leider ein anderer. Das hat mit unserer industriellen Geschichte und der Stadtplanung der Nachkriegszeit zu tun, als das Handwerk aus den zentralen Lagen in Gewerbegebiete außerhalb verdrängt wurde. Dadurch ist das Handwerk bei vielen nicht mehr so präsent wie noch in ländlicheren Gebieten. Das dreht sich aber zum Glück gerade wieder – auch dank der Imagekampagne des Zentralverbandes und unserer Öffentlichkeitsarbeit.
Martin Weber: Völlig richtig! Man hat in den 1970ern, als man möglichst viele Menschen an die Hochschulen bringen wollte, erkannt, dass die Zeit der Zechen zu Ende geht, aber nicht, dass die Zeit des Handwerks fortbesteht. Heute gibt es durch die multiplen Krisen und durch KI wieder eine Rückbesinnung auf das krisenfeste Handwerk.
Was waren die entscheidenden Meilensteine in der Geschichte der KH?
M. v. B.: Das war im Jahre 1901 zweifellos die Gründung selbst, um das Handwerk auf regionaler Ebene politisch zu organisieren; dann die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg und Ende der 1970er Jahre der Entschluss, dieses Gebäude hier an der Katzenbruchstraße mit Eigenmitteln zu bauen. Es war eine mutige Entscheidung der Innungen, ihre eigenen kleinen Werkstätten und die überbetriebliche Ausbildung an einem zentralen Ort zu bündeln. Das hat das Handwerk in der Region massiv gestärkt.
M. W.: Ergänzend dazu ist die stetige Gebietserweiterung und Fusion von Innungen über Stadtgrenzen hinweg zu nennen. Wir haben frühzeitig erkannt, dass wir Kräfte bündeln müssen, um unsere Servicequalität aufrechtzuerhalten, wie etwa bei der Fusion der Kfz- oder der SHK-Innungen. Heute verstehen wir uns nicht mehr nur als reine Verwaltung, sondern als moderner Dienstleister und Entwickler für unsere Betriebe.
Was waren die größten Erfolge in der jüngeren Geschichte?
M. W.: Das Essener Handwerk ist mit seinem Portal LokalesHandwerk.de heute deutschlandweit ein Leuchtturm der Digitalisierung. Damit schaffen wir eine moderne digitale Brücke zwischen unseren Fachbetrieben und den Kunden. In einer Zeit, in der Aufträge zunehmend online vergeben werden, sichern wir so die Sichtbarkeit unserer Innungsmitglieder und stärken nachhaltig die regionale Wertschöpfung direkt hier vor Ort. Mittlerweile kommen andere Kreishandwerkerschaften auf uns zu, wie zuletzt die KH Emscher-Lippe-West, um diese Struktur zu nutzen. 13 Kreishandwerkerschaften mit 326 Innungen aus 231 Städten und 14.843 Fachbetrieben sind dort aktuell vertreten. Wie tief verwurzelt der Innovationsgeist in unserer Gemeinschaft ist, zeigt nicht zuletzt auch das Forschungsprojekt GreenCraft. Direkt an der Basis untersuchen wir hier, wie nachhaltige Arbeitsprozesse im Handwerk von morgen konkret aussehen müssen, damit ökologische Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg auch in den kommenden Jahrzehnten Hand in Hand gehen. Auch hier sind wir nicht nur Teilnehmer, sondern Projektleiter, was außergewöhnlich, aber notwendig ist, damit solche Plattformen in den Händen des organisierten Handwerks bleiben und nicht von rein profitorientierten Drittanbietern dominiert werden.
Wie ist bei GreenCraft der Stand?
Wir haben nach eineinhalb Jahren jetzt ungefähr Halbzeit. Bei GreenCraft geht es darum, die Erstkontaktaufnahme für komplexe Leistungen wie Photovoltaik, Gebäudedämmung oder Wärmepumpen mithilfe von KI zu digitalisieren. Aktuell erarbeiten wir drei Klickstrecken für diese Anwendungen, gemeinsam mit den Fraunhofer-Instituten wissenschaftlich fundiert. Die gehen jetzt zurück ins Handwerk.
M. v. B.: Die Politik und die Fördermittelgeber haben mittlerweile erkannt, nicht zuletzt durch Katastrophen wie im Ahrtal, wie wichtig ein schneller Zugriff auch auf das organisierte Spitzenhandwerk ist, den LokalesHandwerk.de sichert.
Das jüngste Projekt ist die Wärmepartnerschaft. Worum geht es da?
M. W.: Da muss man bei der Klima-Akademie ansetzen. Sie ist unsere entschlossene Antwort auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Sie bündelt das entscheidende Know-how, um ehrgeizige Klimaziele nicht nur zu formulieren, sondern sie durch handwerkliche Präzision in die Realität umzusetzen. Neben der Nachwuchswerbung und der Information für Verbraucher machen wir unsere Betriebe dort sprichwörtlich fit für eine nachhaltige Zukunft. Dabei sind wir seit Kurzem auch VDI-zertifizierter Schulungsstandort für Wärmepumpentechnik, als erste Handwerksorganisation überhaupt. Daraus wiederum ist die Idee der Wärmepartnerschaft entstanden.
M. v. B.: Mit der Stadt Essen, den Stadtwerken und der Sparkasse nehmen wir demnächst Verbraucher an die Hand und organisieren den gesamten Prozess von der Förderung bis zur Inbetriebnahme, sodass der Kunde einen verlässlichen Ansprechpartner hat. Wir wollen Essen so von außen nach innen dekarbonisieren, angefangen in den Randgebieten bei Ein- und Zweifamilienhäusern, wo die Umsetzung der Wärmewende technisch einfacher und schneller möglich ist.
Was sind die größten künftigen Herausforderungen fürs Handwerk?
M. v. B.: Die duale Ausbildung auf diesem Niveau für die nächsten Generationen zu sichern. Teilqualifizierungen sind aus unserer Sicht hier nicht der richtige Weg. Entscheidend ist vielmehr ein stärkerer politischer Wille zur Unterstützung der handwerklichen Bildungszentren. Ziel muss es sein, diese künftig ähnlich gut auszustatten wie den akademischen Bildungsbereich.
M. W.: Unsere Abteilung für berufliche Bildung leistet hier unschätzbar wertvolle Arbeit, indem sie junge Menschen mit Vermittlungshemmnissen intensiv begleitet und in Ausbildung bringt. Wir sind mehr als ein Bildungsträger; wir sind die Brücke in die Betriebe. Zudem durchlaufen jedes Jahr etwa 3.000 Teilnehmende unsere überbetrieblichen Lehrwerkstätten. Wir müssen dieses Haus aber auch modernisieren, um als Ausbildungsstätte attraktiv zu bleiben und mit dem Standard moderner Universitäten mitzuhalten.
M. v. B.: Eine weitere Herausforderung, die sich daran anschließt, ist der Mangel an Betriebsnachfolgern. Wir haben derzeit eine große Zahl von Betrieben, die vor einer Übergabe stehen. Es ist vor allem die Generation der Babyboomer, die ihre Unternehmen in den kommenden Jahren übergeben möchte, ohne dass sich ausreichend Nachfolger finden. Hier ist die Politik gefragt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Selbstständigkeit wieder attraktiver wird und sich unternehmerisches Engagement im Handwerk lohnt. Selbstständigkeit muss sich wieder lohnen. Wenn in der Industrie tausend Arbeitsplätze wegfallen, geht ein Aufschrei durch die Republik. Aber wenn 1.000 Handwerksbetriebe schließen mit 5.000 Mitarbeitern, spricht da kein Mensch drüber. Das ist ein leises Sterben; viele Betriebe verschwinden oder gehen in größeren Einheiten auf.
M. W.: Und da sitzen dann oft keine Inhaber mehr, sondern Manager, die rein nach Zahlen entscheiden. Unternehmer im Handwerk denken anders, nachhaltiger, familiärer; die lassen Mitarbeitende nicht einfach so fallen, sondern tragen sie auch mal durch schwere Zeiten.
M. v. B.: Die dritte große Herausforderung ist die Bürokratie. Wir müssen zu viel Zeit aufwenden für Dinge, die mit unserem Beruf nichts zu tun haben. All die Dokumentations- und Hinweispflichten machen uns und jedem Unternehmer das Leben zur Hölle. Das ist nicht mehr nachvollziehbar. Da reicht keine Axt mehr, da braucht es schon eine Kettensäge. Ansonsten sehe ich hier tatsächlich schwarz – nicht nur fürs Handwerk, sondern für alle Wirtschaftszweige in Deutschland.
Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesetzt?
M. W.: Wir versuchen weiter, Abläufe zu modernisieren und damit auch unsere Servicequalität für unsere Betriebe zu erhöhen, damit unsere Innungen wieder wachsen. Dafür arbeiten wir aktuell mit einer Werbeagentur für eine neue Marketingstrategie zusammen. Zudem wollen und müssen wir das Haus modernisieren. In diesem Jahr starten wir mit einem neuen Wärme-Contracting. Im ersten Schritt installieren wir eine Wärmepumpe für eine hybride Wärmeversorgung.
M. v. B.: Wir müssen das Haus zukunftsfest machen, die duale Ausbildung verteidigen – politisch noch mal auf einem anderen Niveau – und wir müssen die handwerkliche Organisation stärken, evtl. auch durch weitere Fusionen, Innungsbetriebe langfristig binden und auch neue Betriebe gewinnen. Ansonsten ist mir nicht bange ums deutsche Handwerk. Handwerk hat Innovation nie verschlafen und ist immer neue Wege gegangen, war immer flexibel, und auch die nächste Handwerksgeneration wird das sein – wenn Gesellschaft und Politik die richtigen Bedingungen für handwerkliche, mittelständische Selbstständigkeit schafft. Da können wir immer nur vernünftig wählen und hoffen, dass sich im Weltgeschehen die Dinge anders entwickeln als im Moment.
Herr van Beek, Sie haben schon das 75. Jubiläum der KH als Sohn des damaligen SHK-Lehrlingswartes miterlebt. Was bedeutet Ihnen das 125. Jubiläum persönlich?
Ich bin froh, dass die Kreishandwerkerschaft 125 Jahre durchgehalten hat. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt. Aber jetzt sind wir wirklich auf einem guten Weg. Wir haben uns gut entwickelt, wir haben vieles gelernt aus der Historie, haben vieles in die Zukunft gebracht, und ich mache mir keine Sorgen, dass auch mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin ein erfolgreiches 150-jähriges Jubiläum feiern kann.
Steht da schon jemand in den Startlöchern?
M. v. B.: Darüber denken wir noch nicht nach. Noch bin ich jung und leistungsfähig. So lange sich das nicht ändert und man mir das Amt weiterhin zutraut, mache ich gerne weiter. Ich bin mir aber ganz sicher, dass wir jemanden finden, der das in meinem und im Sinne des Essener Handwerks fortführen wird.
Vielen Dank für das Gespräch und auf die nächsten 125 Jahre!
Gespräch: Jörn-Jakob Surkemper







