KH Essen will Flüchtlinge fürs Handwerk gewinnen

Zehn junge Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan haben in der letzten Woche einen Tag lang das Berufsfeld des Metallbauer-Handwerks in der Kreishandwerkerschaft Essen erkundet. Die unbegleiteten, meist minderjährigen jungen Männer stammen aus der Clearingstelle „newland" am Zehnthof in Essen. „Ziel war es, den Flüchtlingen einen ersten Eindruck vom Handwerk und unserem dualen Ausbildungssystem zu vermitteln und ihnen zugleich die Möglichkeit zu geben, sich selbst handwerklich zu erproben", sagt Wolfgang Dapprich, Hauptgeschäftsführer der Essener Kreishandwerkerschaft.

Vor dreieinhalb Monaten floh Mohamad F. vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Seine Familie blieb zurück; für sie reichte das Geld nicht. Nun spannt der 17-Jährige in der Metallwerkstatt der KH Essen eine quadratische Metallplatte in die Schraubzwinge. Zwölf Inbusschrauben sind darauf kreisförmig eingelassen. Am Ende der eintägigen Berufsfelderkundung wird daraus eine Uhr entstanden sein, die der junge Syrer mitnehmen darf. „Das ist eine schöne Abwechslung", sagt er auf Arabisch. Eine Stunde Deutschunterricht erhält er in der Einrichtung „newland"; den Rest des Tages seien er und die anderen oft auf sich gestellt. 

„An diesem Werkstück können die Jugendlichen an einem Tag die Grundlagen des Metallbauer-Handwerks kennenlernen“, sagt Ausbilder Hussein El-Hassan, der heute auch übersetzt: „richtiges Anreißen, Bohren mit der Standbohrmaschine, Körnen, Feilen und Sägen.“ So können die Teilnehmer herausfinden, ob ihnen eine handwerkliche Tätigkeit grundsätzlich liegt. Der Ausbilder in den Werkstätten für Metallbau sowie Sanitär, Heizung, Klima (SHK) in der Abteilung Berufliche Bildung der Kreishandwerkerschaft hat selbst einen Flüchtlingshintergrund.

Seine Eltern flüchteten aus den Palästinensergebieten Israels in den Libanon. Aufgewachsen in einem Flüchtlingslager in Beirut und in der irakischen Hauptstadt Bagdad zwang der erste Irak-Krieg seine Familie 1979 erneut zur Flucht – diesmal nach Deutschland. „Ich kann gut nachempfinden, wie es ist, in einem fremden Land zu sein und kein Wort zu verstehen“, sagt El-Hassan. Auch durch die Sprache habe er deswegen einen guten Draht zu den jungen Flüchtlingen. Die hat er heute als „hoch motiviert, konzentriert und dankbar“ erlebt. „Ein großer Teil hat handwerkliches Geschick“, sagt er. 

Auch KH-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Dapprich zeigte sich hoch zufrieden mit der Berufsfelderkundung und hofft, den einen oder anderen jungen Mann für das Handwerk gewinnen zu können. „Dem Handwerk fehlt es zunehmend an qualifiziertem Nachwuchs. Diese jungen Flüchtlinge verfügen durchaus über ein vielversprechendes Potenzial“, so Dapprich.

Die Idee für die Berufsfelderkundung für Flüchtlinge hatte die Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung der Kreishandwerkerschaft, Claudia Schlitt, zusammen mit Claudia Mandrysch, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) Essen-Mitte, der die Einrichtung „newland“ zusammen mit dem Diakoniewerk Essen betreibt. „Wir haben ein fertiges Konzept in der Schublade, das die jungen Flüchtlinge von der Berufsfeldorientierung über ausbildungsvorbereitende Maßnahmen bis zum Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt begleitet“, so Claudia Schlitt. Einzig die Finanzierung sei noch ungeklärt.

„Für Arbeitsagentur und Jobcenter stehen zunächst Sprach- und Integrationskurse im Vordergrund. Wir denken aber, dass man parallel dazu gar nicht früh genug mit der beruflichen Ausbildung und Integration anfangen kann, zumal das Handwerk dieses bereits in der Vergangenheit regelmäßig unter Beweis gestellt hat“, so die Abteilungsleiterin. 

In einem nächsten Schritt sollen nun auch die anderen 40 Flüchtlinge bei „newland“ die Berufsfelderkundung durchlaufen. Danach könnte eine Begehung aller Werkstätten der Kreishandwerkerschaft Essen einen Überblick auch über die anderen Ausbildungsberufe im Handwerk geben. 

Dem 17-jährigen Mohamad aus Syrien hat der Tag jedenfalls gefallen. Und er weiß auch schon, wo er mal hinmöchte: Er will Kfz-Mechatroniker werden; in diesem Beruf habe er bereits in seiner Heimat gearbeitet. „Aber falls das nicht klappt, kann ich mir auch etwas anderes im Handwerk gut vorstellen“, sagt er.


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